Wie hat sich Neuro-Regulating-Voice® entwickelt?
Als ich vor vielen Jahren nach meiner Schauspielausbildung zufällig auf das Jodeln stieß, eröffnete sich mir hinter dem Folklore-Klischee etwas Unerwartetes:
Meine Stimme kraftvoll, laut und frei klingen lassen zu dürfen. Ohne das Gefühl, mich zurückhalten oder mich hinter dem Liedtext verstecken zu müssen.
Ich war Klang und der Klang war ich.
Stimme war für mich bis dahin vor allem Sprache. Etwas, was ich mit Kopf, nicht mit Körper assoziierte. Gerade als Schauspielerin war Text zentral. Texte verstehen, Text rezitieren.
Im Rufen, Juchzen und Jodeln aber erlebte ich Klang unmittelbar als Körpergeschehen– als Atembewegung, Vibration und Resonanz in Brustraum, Kehle, Gesicht und Kopf.
Diese Erfahrung war für mich so befreiend und erfüllend, dass ich begann, nach den Gründen dafür zu suchen.
- Was ist Stimme, bevor sie zum Träger von Worten wird?
- Warum denken wir, wenn wir von Stimme sprechen, fast automatisch an Sprache – und so selten an Klang, Körper, Resonanz und Beziehung?
Ein wichtiger Impuls auf diesem Weg war für mich der großartige Aufsatz „Die Rehabilitierung der Stimme. Über die Stimme jenseits der Oralität“ der Philosophin Sybille Krämer. Sie lenkt den Blick auf eine Dimension der Stimme, die verloren geht, wenn wir sie lediglich als Transportmittel sprachlicher Bedeutung verstehen.
(Blogartikel „Die Spur des Körpers in der Sprache: Wie Sybille Krämer meinen Blick auf Stimme verändert hat – und damit einen Weg zu Neuro-Regulating-Voice® öffnet)
Diese Frage hat mich seither nicht mehr losgelassen.
Aus meiner langjährigen Arbeit mit Stimme, geprägt von Kristin Linklater, aus der Erfahrung mit archaischen Formen des Rufens und Jodelns und aus der zunehmenden Beschäftigung mit Nervensystem, Körperwahrnehmung und neurowissenschaftlicher Forschung entstand Neuro-Regulating-Voice®.
Im Zentrum steht die Suche nach dem, was hinter der Sprache liegt.
Was geschieht, wenn wir nicht sprechen, sondern tönen, summen, rufen oder jodeln? Wenn wir Stimme nicht in erster Linie hören und beurteilen, sondern als Klang und Vibration im eigenen Körper wahrnehmen?
Und was wäre, wenn Stimme nicht nur ausdrückt, wie es uns geht, sondern Teil der körperlichen Prozesse ist, durch die wir uns regulieren, in Kontakt kommen und Präsenz erleben?
Stimme ist eben nicht Kopf, sie ist ein Ganzkörpergeschehen!
Stimme als Ganzkörpergeschehen
Stimme entsteht nicht isoliert im Kehlkopf.
Ich erinnere mich an die Frage von Kristin Linklater an uns Teilnehmende eines Stimmseminars: Wie entsteht Stimme? Eifrig lieferten wir unterschiedlichste Antworten. Was aber keine von uns als Antwort vorschlug, war: Durch das Bedürfnis, sich mitzuteilen.
Am Anfang von Stimme steht der Impuls, das Bedürfnis etwas auszudrücken. Darauf reagiert augenblicklich ein fein aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel von Atmung, Zwerchfell, Kehlkopf, Stimmlippen, Mund, -und Rachenraum, und zahlreiche Muskelgruppn. Auch unser emotionaler Zustand prägt diese körperliche Organisation.
Gleichzeitig ist dieses System mit dem autonomen Nervensystem verbunden.
Unsere Stimme verändert sich je nach emotionalem Zustand und Situation. Besonders deutlich wird das in herausfordernden Situationen, wenn wir unter Stress geraten.
Vielleicht kennen Sie das: In einem wichtigen Gespräch wird die Kehle eng, der Atem flacher. Die Stimme klingt höher, härter oder monotoner. Manchmal fehlt plötzlich die Tragfähigkeit – obwohl wir uns vorgenommen haben, ruhig und souverän zu sprechen.
Das geschieht nicht einfach deshalb, weil wir unfähig sind oder unsere „Stimmtechnik“ vergessen haben.
Unser gesamter Organismus hat seinen Zustand verändert.
Sehr spannend finde ich, dass aktuelle Forschungsbeiträge darauf hinweisen, wie eng Stimmproduktion, Atmung und autonome Prozesse miteinander verflochten sind. Die neuronalen Netzwerke, die an der Stimmgebung beteiligt sind, stehen in Verbindung mit Netzwerken der kardiorespiratorischen und autonomen Regulation. In meiner Recherche bin ich auf einen Scoping Review von 2025 gestoßen mit Hinweisen auf Zusammenhänge zwischen vokaler Aktivität und autonomen Parametern wie Herzfrequenz und Herzratenvariabilität.
Stimme und Nervensystem sind also keine voneinander getrennten Systeme.
Interozeption: Wie der Körper zum Gehirn spricht
In meinen Stimmseminaren habe ich über viele Jahre immer wieder eine Beobachtung gemacht: Die Art, wie wir unseren Körper wahrnehmen und innerlich repräsentieren, scheint Einfluss darauf zu haben, wie wir atmen und wie unsere Stimme klingt.
Wenn Menschen beginnen, ihre Aufmerksamkeit achtsam nach innen zu richten, verändert sich häufig etwas. Noch deutlicher wird das, wenn wir mit inneren Bildern arbeiten und die gewohnte Vorstellung vom eigenen Körper erweitern.
Ich lade die Teilnehmenden zum Beispiel dazu ein, sich den Körper von innen als hellen, weiten Raum vorzustellen. Nicht als feste Hülle, sondern als einen lebendigen Innenraum mit viel Platz. Die Körperwände dürfen in der Vorstellung beweglich werden, der Brustkorb weit, der Rücken durchlässig, die inneren Räume schwingungsfähig.
Diese Bilder sind keine anatomischen Beschreibungen. Sie sind Wahrnehmungsangebote.
Und immer wieder konnte ich beobachten: Wenn sich die innere Vorstellung des Körpers verändert, verändert sich mitunter auch die körperliche Organisation. Der Atem wird freier oder tiefer, ohne dass er bewusst „gemacht“ wird. Muskelspannung lässt nach. Resonanz wird an anderen Stellen wahrnehmbar. Und auch der Stimmklang kann voller, beweglicher oder tragfähiger werden.
Mich hat zunehmend interessiert:
Warum kann eine Veränderung der inneren Wahrnehmung Einfluss auf Atem, Spannung und Stimme haben?
Auf der Suche nach Antworten bin ich auf die neuere Forschung zur Interozeption gestoßen.
Interozeption bezeichnet die Wahrnehmung, Integration und Verarbeitung von Signalen aus dem Inneren unseres Körpers. Dazu gehören unter anderem Informationen über Atmung, Herz-Kreislauf-Aktivität, Temperatur und den Zustand innerer Organe. Gemeinsam mit propriozeptiven und anderen sensorischen Informationen entsteht daraus fortlaufend eine innere Repräsentation unseres körperlichen Zustands.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Insula. Sie ist Teil eines weit verzweigten Netzwerks, in dem körperinnere Signale mit Emotion, Aufmerksamkeit, äußeren Sinneseindrücken und autonomen Regulationsprozessen zusammengeführt werden.
Besonders spannend wurde für mich die Forschung zum Predictive Processing: Unser Gehirn wartet nicht einfach darauf, Informationen aus dem Körper zu empfangen. Es arbeitet fortwährend mit Erwartungen und Vorhersagen darüber, was im nächsten Moment im Körper geschehen wird. Eingehende Körpersignale werden mit diesen Vorhersagen abgeglichen und das innere Modell wird fortlaufend aktualisiert.
Damit bekam eine Erfahrung aus meiner Stimmarbeit für mich einen neuen theoretischen Rahmen:
Wir nehmen unseren Körper nicht einfach so wahr, wie er „ist“. Wahrnehmung entsteht im Zusammenspiel von Körpersignalen, Aufmerksamkeit, Erfahrung, Kontext und den Erwartungen unseres Gehirns.
Das bedeutet nicht, dass allein die Vorstellung eines weiten Innenraums nachweislich den Atem vertieft oder die Stimme verändert. Aber sie kann Aufmerksamkeit und Wahrnehmung verändern – und damit möglicherweise auch die Art, wie Körpersignale verarbeitet und Bewegungen organisiert werden.
Genau dieser Wechsel zwischen Wahrnehmen und Neu-Erfahren interessiert mich bei Neuro-Regulating-Voice®.
Stimme bietet dafür ein besonders reiches Erfahrungsfeld: Ein Ton erzeugt hörbaren Klang, Atembewegung, Muskelaktivität und spürbare Vibration. Wir können diese Veränderungen unmittelbar wahrnehmen und darauf reagieren.
So entsteht ein fortlaufender Kreislauf:
wahrnehmen → tönen → Resonanz spüren → neue Körperinformation erhalten → neu wahrnehmen
Für mich liegt darin ein wesentlicher Schlüssel der Stimmarbeit: Wir versuchen nicht zuerst, die Stimme willentlich zu verändern. Wir verändern die Bedingungen, unter denen der Organismus sich selbst wahrnimmt – und beobachten, wie er sich daraufhin neu organisiert.
Klang wird zu Körperinformation
Die zu Beginn des Beitrags beschriebene kraftvolle Erfahrung damals (und auch heute immer wieder) beim Jodeln, dass Stimme nicht nur nach außen wirkt, sondern konkret im Körper als Vibration spürbar wird, hat mich angetrieben, den Zusammenhangs zwischen Stimmvibration, Nervensystem und Gehirn zu ergründen.
Ein tiefes „Mmm“ kann als feine Vibration an Lippen, Gesicht, Kehle oder Brustkorb wahrnehmbar werden. Ein kräftiger Ruf kann den gesamten Rumpf in Bewegung bringen. Beim Jodeln verändert sich die Resonanz innerhalb kürzester Zeit zwischen unterschiedlichen Klang- und Resonanzempfindungen.
Gleichzeitig verändert sich die Atmung. Muskeln koordinieren sich. Der Kehlkopf arbeitet. Wir hören den eigenen Klang und nehmen die Reaktionen unseres Körpers darauf wahr.
Genau diese Verbindung ist entscheidend:
Stimme erzeugt nicht nur Klang nach außen. Sie erzeugt gleichzeitig sensorische Information nach innen.
Neuro-Regulating-Voice® nutzt diese Rückkopplung bewusst.
Nicht mit dem Versprechen, dass ein bestimmter Ton automatisch den Vagusnerv „aktiviert“ oder das Nervensystem „herunterreguliert“. Solche vereinfachten Erklärungen werden der Komplexität unseres Organismus nicht gerecht.
Vielmehr geht es darum, über Atem, Klang, Vibration, Bewegung und bewusste Wahrnehmung die Bedingungen zu schaffen, unter denen körperliche Rückmeldungen differenzierter wahrgenommen und neue Regulationsmöglichkeiten erfahren werden können.
Von Selbstregulation zu Co-Regulation
Stimme geschieht aber niemals nur in uns selbst. Stimme bewegt (im wahrsten Wortsinn) unser Gegenüber.
Schon bevor wir den Inhalt eines Satzes vollständig erfassen, nehmen wir Tempo, Rhythmus, Lautstärke, Melodie und Klangfarbe einer Stimme wahr.
Ist jemand angespannt? Ist Kontakt möglich?
Klingt eine Stimme freundlich, unsicher, hart, lebendig oder zugewandt?
Hier ist die Polyvagal-Theorie für meine Arbeit ein wichtiges Orientierungsmodell. Sie lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass Regulation nicht ausschließlich ein innerer Vorgang ist, sondern auch in Beziehung geschieht.
Die Polyvagal-Theorie wird in einzelnen neuroanatomischen Annahmen wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Ihre Betonung der Verbindung zwischen autonomem Zustand, Stimme, Gesichtsausdruck und sozialer Interaktion bietet jedoch ein hilfreiches Modell für die Praxis.
Und wir erleben es täglich:
Stimmen wirken auf andere Menschen.
Eine ruhige, resonante und prosodisch lebendige Stimme kann Kontakt unterstützen. Unter hoher Anspannung verändern sich dagegen häufig Atem, Muskeltonus und Prosodie – und damit das Signal, das wir unserem Gegenüber vermitteln.
Co-Regulation bedeutet deshalb nicht, einen anderen Menschen durch unsere Stimme gezielt „zu regulieren“.
Es bedeutet, Bedingungen für Kontakt zu schaffen, in denen sich zwei Nervensysteme fortlaufend gegenseitig wahrnehmen und beeinflussen.
Neuro-Regulating-Voice®: Wahrnehmen statt herstellen
Genau hier setzt Neuro-Regulating-Voice® an.
Die Methode verbindet Stimm- und Resonanzarbeit mit Körperwahrnehmung, Interozeption und einem nervensystemorientierten Verständnis von Stimme.
Dabei geht es zunächst nicht darum, wie die Stimme klingt, sondern darum:
Wie fühlt sich meine Stimme an?
Wo nehme ich Vibration wahr?
Was geschieht mit meinem Atem?
Wo entsteht Anstrengung?
Wo entsteht plötzlich mehr Raum?
Was verändert sich, wenn ich nicht versuche, einen „richtigen“ Ton herzustellen?
Über Summen, Tönen, Vokale, Resonanzarbeit, freie Lautäußerungen, Rufen, Juchzen und Elemente des archaischen Jodelns wird Stimme unmittelbar körperlich erfahrbar.
Der eigene Klang wird zum Wahrnehmungsraum.
Ziel ist nicht permanente Entspannung. Ein reguliertes Nervensystem ist kein Nervensystem, das immer ruhig ist.
Regulation bedeutet Flexibilität: sich aktivieren zu können, wenn Kraft gebraucht wird, wieder loslassen zu können, wenn die Herausforderung vorbei ist, und auch unter Belastung möglichst in Kontakt mit sich selbst und anderen zu bleiben.
Diese Flexibilität interessiert mich auch in der Stimme.
Einladung zu einer kleinen Erfahrung
Setzen oder stellen Sie sich bequem hin.
Schließen Sie wenn Sie mögen die Augen. Nehmen Sie für einige Sekunden wahr, was gerade da ist: den Kontakt Ihrer Füße mit dem Boden, das Gewicht Ihres Körpers. Vielleicht legen Sie eine Hand auf den Bauch, oberhalb des Nabels und spüren die Bewegung Ihres Atems.
Lassen Sie den Atem so sein, wie er sein möchte. Versuchen Sie nicht, tiefer oder „richtig“ zu atmen.
Vertrauen Sie darauf, dass der nächste Einatem von selbst entstehen darf.
Denken Sie an einen angenehmen, schönen Moment in ihrer Erinnerung. Eventuell reagiert Ihr Zwerchfell auf diese Erinnerung mit einem sanften inneren Aufatmen und holt mehr Atem ein.
Aktivieren Sie den Wunsch, diese schöne Erinnerung hörbar werden zu lassen, indem Sie sanft auf einem „Mmm“ ausseufzen.
Laden Sie sich ein, den Ton nicht nach seinem Klang zu bewerten, sondern ihre Aufmerksamkeit auf seine körperlich spürbaren Vibrationen zu lenken.
Wo fühlen Sie die Vibrationen des Tons? Wo im Körper nehmen Sie Schwingungen wahr?
An den Lippen? Im Gesicht? Im Hals? Im Brustkorb? Vielleicht kaum irgendwo?
Es gibt keine richtige Antwort.
Wiederholen Sie den erleichternden sanften Summton zwei- oder dreimal und beobachten Sie lediglich, ob sich etwas verändert – im Atem, in der Muskelspannung, in Ihrer Aufmerksamkeit oder in der Wahrnehmung des Klangs.
Das ist bereits ein Grundprinzip von Neuro-Regulating-Voice®:
Nicht zuerst verändern. Zuerst wahrnehmen. Wahrnehmung öffnet den Raum für Veränderung.
Ich möchte Stimme neu denken
Wir haben gelernt, mit unserer Stimme etwas zu tun: Sprechen. Überzeugen. Präsentieren. Singen. Funktionieren. Leisten.
Ich lade Sie ein, Ihrer Stimme neugierig und wertfrei wahrzunehmen.
Und herauszufinden, was bei Stimme hinter dem Sprechen, Klingen, Singen oder Jodeln eigentlich im Körper geschieht.
Atem. Bewegung, Klangvibration, Resonanz, Beziehung.
Stimme ist ein Medium, über das wir uns selbst und anderen Menschen begegnen.
Für mich beginnt genau hier eine andere Form von Stimmarbeit. Und Stimmkultur.
Quelle & Inspiration
Sybille Krämer (2006): „Die Rehabilitierung der Stimme. Über die Stimme jenseits der Oralität“
Freie Universität Berlin:
Aufsatz von Sybille Krämer
Critchley, H. D. & Patchitt, J. (2025): „Interoception, Insula, and Autonomic Integration“
Aktueller Überblick zur Verbindung von Interozeption, Insula und autonomer Regulation.
Publikation bei PubMed
Chen, W. G. et al. (2021): „The Emerging Science of Interoception“
Grundlegender Überblick über Interozeption als Wahrnehmung, Integration, Interpretation und Regulation körperinnerer Signale.
Publikation bei PubMed
Simone, L. et al. (2025): „Anatomo-functional organization of insular networks“
Aktueller Überblick über die unterschiedlichen funktionellen Netzwerke der Insula und ihre Rolle bei sensorischer Integration und Verhaltenssteuerung.
Publikation bei PubMed
Morales-Luque, C. et al. (2025): „Mapping the Neurophysiological Link Between Voice and Autonomic Function: A Scoping Review“
Besonders relevant für Neuro-Regulating-Voice®: Der Review untersucht systematisch den Forschungsstand zur Verbindung von Stimmproduktion und autonomer Funktion.
Publikation bei PubMed
González-García, M. et al. (2024): „Central Autonomic Mechanisms Involved in the Control of Laryngeal Activity and Vocalization“
Über die neuronale und autonome Vernetzung von Atmung, Kehlkopf und Stimmgebung.
Publikation bei PubMed