Wie Kristin Linklater mir den Weg zu meiner Stimme und zu Neuro-Regulating-Voice® geöffnet hat
Als Kind habe ich das Singen geliebt.
Wir sangen beim Wandern, während langer Autofahrten, in der Sonntagsmesse und unterm Weihnachtsbaum. Meine Mutter hatte eine wunderschöne Singstimme, meine Großmutter ebenfalls. Wenn wir sangen, erlebte ich eine tiefe Verbundenheit – mit mir selbst, mit den anderen und mit der Welt.
Gleichzeitig kannte ich Stimme auch ganz anders.
Mein Vater hatte beim Sprechen eine agitatorische, gepresste Stimme, die in mir ein Gefühl von Enge und Beklommenheit auslöste. Mein autoritärer Vater nahm viel Platz ein. Meine Bedürfnisse bekamen wenig Raum und ich hatte als Kind im übertragenen, aber auch im ganz konkreten Sinn keine Stimme. Ich hatte nichts zu sagen.
Erst in meinen Vierzigern lernte ich, meinen eigenen Bedürfnissen Raum zu geben, sie überhaupt wahrzunehmen und zu artikulieren.
Heute sehe ich, wie diese Erfahrungen miteinander verbunden sind und mich geprägt haben: die große Sehnsucht, mich mitzuteilen und gehört zu werden – und gleichzeitig die Angst vor den möglichen Konsequenzen.
Beides – die Angst und die Sehnsucht, mich mitzuteilen – hatte sich körperlich in meiner Stimme und meiner Art zu sprechen eingeschrieben.
Wenn Angst und Sehnsucht gleichzeitig sprechen
Ich würde heute nicht sagen, dass Erfahrungen oder Gefühle wortwörtlich in einem einzelnen Muskel „gespeichert“ sind. Unser Körper ist kein Archiv, in dem Erinnerungen an einer bestimmten Stelle abgelegt werden.
Aber immer wiederkehrende, lang anhaltende Erfahrungen können unsere Wahrnehmung, unsere Bewegungsgewohnheiten, den Muskeltonus und die Koordination von Atem und Stimme prägen. Sie können sich darin zeigen, wie wir den Kiefer halten, wie frei sich die Zunge bewegt, wie der Kehlkopf reagiert und ob wir beim Sprechen den Atem fließen lassen oder unbewusst zurückhalten.
Bei mir war diese Spannung besonders deutlich in der Zunge zu spüren.
Meine Zunge war fest und nach hinten gezogen. Dadurch entstand Enge im Hals, meine Stimme fühlte sich beim Sprechen häufig belegt an. Unter Aufregung wurde sie verhaucht und verlor an Tragfähigkeit. Bei meiner ersten Aufnahmeprüfung für die Schauspielausbildung in Wien wurde mir gesagt, meine Stimmlippen würden nicht ausreichend schließen. Ich wurde von der Prüfung ausgeschlossen. Beim zweiten Anlauf in Berlin an der Hochschule der Künste wurde ich trotz diesem „Makel“ aufgenommen.
Rückblickend erkenne ich darin eine körperliche Gleichzeitigkeit: zurückhalten und hinauswollen, unsichtbar bleiben und gesehen werden wollen, schweigen und gleichzeitig die eigene Stimme erheben wollen.
Ich denke heute, dass der Wunsch, Schauspielerin zu werden, ein Audruck der Sehnsucht war, ins Licht zu treten und endlich gesehen zu werden.
Als ich dann Schauspielerin war, merkte ich allerdings, wie sehr mich dieser dauernde Fokus auf meine Person emotional belastete. Mein emotionaler Wohlfühl-Ort ist nicht die Bühne. Ich wirke lieber aus dem „Hintergrund“, beobachte, schaffe Räume. Ich liebe es, andere Menschen in ihren Prozessen zu begleiten. Bin mit Leib und Seele Dozentin und Lehrerin – eine Begleiterin auf dem Weg zur eigenen Stimme.
Den Weg dorthin haben mir vor allem zwei Erfahrungen eröffnet: das Jodeln, das 2007 durch Ingrid Hammer zu mir kam, und die Stimmarbeit von Kristin Linklater.
Meine erste Begegnung mit der Linklater-Stimmarbeit
2012 nahm an einer Einführung in die Kristin Linklater Stimmarbeit bei der wunderbaren Luitgard Janßen teil und begann parallel mit Einzelstunden.
Sofort spürte ich, dass diese Arbeit etwas in mir ansprach, das weit über klassische Stimmbildung hinausging. Diese besondere Art und Weise sich der Stimme anzunähern hatte etwas befreiendes.
Es ging nicht darum, wie ich es aus der Schauspielarbeit kannte, eine schöne Stimme herzustellen. Ich sollte nichts produzieren, verbessern oder nach außen präsentieren. Ich musste nicht einmal wissen, wie meine Stimme am Ende klingen sollte.
Stattdessen begann die Arbeit mit Wahrnehmung.
Wie liege ich auf dem Boden?
Wo konkret spüre ich Kontakt? Kann ich Gewicht abgeben?
Wo halte ich fest?
Wie bewegt mich der Atem?
Was geschieht, wenn ich nicht eingreife?
Und dann kam dieser für mich zutiefst berührende Gedanke:
Die Stimme ist schon da.
Ich musste sie nicht machen, nichts leisten. Ich musste sie nicht erfinden und auch nicht unter Anstrengung aus mir herausholen. Ich durfte sie erspüren und darauf warten, dass ein innerer Impuls entstand – das Bedürfnis, etwas freizusetzen und hörbar werden zu lassen.
Diese Erkenntnis traf mich mit großer emotionaler Wucht.
Eine ungeheure Erleichterung lag darin: Meine Stimme war nicht falsch. Sie war vorhanden – vielleicht geschützt, zurückgehalten oder von Gewohnheiten überlagert, aber sie war da.
Die Stimme befreien – nicht herstellen
Kristin Linklater entwickelte ihre Stimmarbeit ursprünglich für Schauspieler. Im Zentrum steht die Befreiung der natürlichen Stimme.
Mit „natürlich“ ist dabei keine rohe, unkontrollierte oder besonders laute Stimme gemeint. Auch kein allgemeingültiges Klangideal. Linklater geht es um eine Stimme, die möglichst unmittelbar mit Gedanken, Gefühlen und dem Bedürfnis, sich mitzuteilen, verbunden ist.
Eine Stimme, die vom Denken geformt, aber nicht durch Kontrolle und unnötige Spannung gehemmt wird.
Das Ziel ihrer Arbeit besteht deshalb nicht darin, eine bestimmte Stimme zu produzieren. Vielmehr werden Gewohnheiten aufgespürt, die den freien Ausdruck begrenzen können: ein festgehaltener Atem, ein angespannter Unterkiefer, eine zurückgezogene Zunge, ein enger Rachenraum oder der Versuch, den Klang willentlich zu formen.
Dabei ist wichtig: Stimme braucht Muskelaktivität und präzise Koordination. Vollständige Entspannung würde keine tragfähige Stimme hervorbringen. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen notwendigem, lebendigem Tonus und überflüssiger Spannung, die Beweglichkeit, Atemfluss und Schwingungsübertragung einschränkt.
Linklaters Grundgedanke hat mich tief geprägt:
Wenn überflüssige Spannungen wahrgenommen werden und sich lösen dürfen, kann sich Stimme freier organisieren.
Aus diesem Gedanken ist ein wesentlicher Grundsatz meiner eigenen Arbeit entstanden:
Die Stimme wird nicht gemacht. Sie darf geschehen.
Vom Kopf in den Körper
Als Schauspielerin war Sprache für mich lange vor allem mit dem Kopf verbunden: einen Text verstehen, seine Bedeutung erfassen, ihn gestalten, deutlich sprechen und eine Rolle glaubwürdig vermitteln.
Dabei hatte ich schon vor meiner Begegnung mit der Linklater-Arbeit eine andere, existentielle Erfahrung von Stimme gemacht: im Jodeln und Juuzen – besonders in den Muotataler Naturjuuzen.
Hier erlebte ich, dass Stimme zu allererst ein körperliches Geschehen ist. Sie schwingt in mir, bewegt Atem und Gewebe, breitet sich als Vibration im Körper aus – und wird erst danach als Klang und schließlich als Sprache nach außen hörbar.
Beim Jodeln wird die Stimme nicht zur Trägerin von Worten. Sie ist unmittelbarer Ausdruck von Lebendigkeit. Eine Stimme, die meinen Körper an das JETZT anbindet. Jodeln gab meiner Ursehnsucht, mich auszudrücken, eine Stimme.
Aus dieser Erfahrung entstand bereits 2007/2008 ein Satz, der für mich bis heute gilt:
Ich jodle, also bin ich.
Im Jodeln hatte ich dieses körperliche Dasein der Stimme bereits tief erlebt. (Mehr über JODELN )
Durch die Linklater-Arbeit bekam mein Erleben plötzlich eine Sprache, eine Einordnung und eine Methode.
Ich begann zu verstehen: Stimme entsteht nicht nur im Kehlkopf. Sie ist ein Ganzkörpergeschehen. Ein innerer Impuls verändert den Atem. Das Zwerchfell reagiert. Muskeln koordinieren sich. Die Stimmlippen kommen in Schwingung. Klang breitet sich aus und wird in Brustraum, Kehle, Mund, Gesicht und Kopf als Vibration spürbar.
Stimme wird dadurch nicht nur gehört. Sie wird verkörpert.
Diese Verortung der Stimme im Körper fasziniert mich bis heute. Sie hat meine gesamte Arbeit verändert.
Nicht mehr nur:
Wie klingt meine Stimme?
Sondern:
Wie fühlt sie sich an?
Wo spüre ich Schwingung?
Wo halte ich fest?
Was geschieht mit meinem Atem?
Wo entsteht Weite?
Was verändert sich, wenn ich den Ton nicht machen muss?
Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit weg von der äußeren Beurteilung und hin zur eigenen Wahrnehmung.
Das Jodeln hatte mir den unmittelbaren Zugang eröffnet. Die Linklater-Arbeit half mir zu verstehen und methodisch zu erfassen, was ich dabei erlebte: Stimme ist zuallererst Bewegung, Atem, Schwingung und körperliche Gegenwart – und erst danach wird sie zur Trägerin von Sprache.
Der Stimmsee
Besonders tief berührt hat mich Linklaters Bild des Stimmsees.
Die Vorstellung, dass die Stimme wie ein See, ein Reservoir an Schallwellen bereits in uns vorhanden ist, war für mich überwältigend. In diesem Bild ist Stimme kein Produkt, das wir erst herstellen müssen.
Der See ist da. Von Anfang an.
Vielleicht ist der Zugang verdeckt. Vielleicht ist seine Oberfläche unbeweglich geworden. Vielleicht haben sich im Laufe des Lebens Dämme, Begrenzungen und Schutzschichten gebildet. Aber das Wasser selbst ist nicht verschwunden.
Ein innerer Impuls kann den See in Bewegung bringen. Der Atem setzt sich aus uns heraus frei und nimmt den Klang mit. Der Ton segelt auf dem Atem. Die Stimme strömt als Vibrationswelle durch den Körper und wird an den Lippen hörbar.
Anatomisch entsteht die Stimme natürlich nicht in einem See. Aber ein körpernahes Bild kann Aufmerksamkeit, Bewegungsorganisation und Muskeltonus verändern. Es kann eine Erfahrung ermöglichen, die durch eine rein technische Anweisung möglicherweise nicht erreichbar wäre.
Der Stimmsee ist bis heute Teil meiner Arbeit. Auch in Neuro-Regulating-Voice® beginnt Stimme nicht mit dem Auftrag, einen Ton zu machen. Sie beginnt mit Wahrnehmen, mit einem inneren Impuls und mit der Frage:
Gibt es gerade etwas, das hörbar werden möchte?
Eine Sprache, die den ganzen Menschen erreicht
In der Linklater-Arbeit habe ich zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit erfahren, wie entscheidend die Sprache ist, mit der wir Dozent:innen andere Menschen anleiten.
Wir können sagen:
„Atmen Sie jetzt tief ein.“
„Entspannen Sie Ihren Kiefer.“
„Lassen Sie die Schultern los.“
„Öffnen Sie den Hals.“
Solche Aufforderungen richten sich an unseren Willen und an den Teil in uns, der etwas richtig machen möchte. Und genau dadurch bleiben wir im gewohnten Bewertungs-System. Neue Anstrengung kann entstehen.
Die Linklater-Arbeit verwendet stattdessen Bilder, Wahrnehmungsangebote und Einladungen. Der Atem darf beobachtet werden, ohne dass wir sofort in ihn eingreifen. Wir dürfen uns vom Zwerchfell zeigen lassen, wie es uns beatmen möchte. Eine angenehme Erinnerung löst einen Einatem und in Konsequenz einen hörbaren Ausatem, – einen Seufzer der Erleichterung – aus. Klang darf durch den Körper strömen. Der nächste Einatem darf von selbst kommen.
Diese Sprache spricht nicht zuerst zum analysierenden Denken. Sie spricht zum Nervensystem.
Natürlich können wir Denken und Nervensystem nicht voneinander trennen. Gemeint ist etwas anderes: Die Bilder richten sich nicht nur an das bewusste Verstehen. Sie sprechen Wahrnehmung, Vorstellungskraft, Erinnerung, Bewegung und Gefühl an. Sie geben dem Organismus eine Möglichkeit, anders zu reagieren, ohne dass wir ihm jeden einzelnen Schritt vorschreiben.
Auch für Neuro-Regulating-Voice® ist diese Form der Anleitung wesentlich. Sprache kann Druck erzeugen – oder Raum öffnen. Sie kann Menschen das Gefühl geben, etwas leisten zu müssen. Oder sie kann Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und in die Selbstorganisation des Körpers unterstützen.
Atem darf sich freisetzen
In der Linklater-Arbeit wird der Atem zunächst nicht vertieft, verlängert oder kontrolliert. Er wird beobachtet.
Der Körper darf sein Gewicht abgeben. Der Unterkiefer darf sich lösen. Die Lippen bleiben weich und dürfen sich öffnen. Der Atem darf durch den Mund ein- und ausströmen, ohne dass er willentlich geholt oder nach außen gedrückt wird.
Das Zwerchfell spielt dabei eine zentrale Rolle.
Beim Einatmen spannt es sich an und senkt sich. Beim Ausatmen entspannt es sich und steigt wieder nach oben. Stimme entsteht auf dem ausströmenden Atem. Doch dieser Ausatem soll nicht mit Druck erzeugt werden. Ein Gedanke, ein Gefühl oder ein Mitteilungsbedürfnis setzt einen Impuls – der Atem reagiert und der Ton kann entstehen. Dieser Wechsel zwischen Ausdruck (Stimme) und Eindruck (Inspiration) – also Einatmen – ist Lebendigkeit.
Linklaters Bild, dass Loslassen Energie freisetzt, begleitet mich bis heute.
Loslassen bedeutet dabei nicht Kraftlosigkeit. Im Gegenteil: Aufstrebende Energie und loslassende Energie können gleichzeitig vorhanden sein. Kraft entsteht nicht zwingend durch mehr Anstrengung. Sie kann auch daraus entstehen, dass unnötiges Festhalten aufhört und die vorhandene Energie wieder verfügbar wird.
Diese Gleichzeitigkeit von Kraft und Loslassen ist zu einem wichtigen Prinzip von Neuro-Regulating-Voice® geworden.
Kiefer, Zunge und der Weg nach außen
Die Arbeit mit Unterkiefer und Zunge hat mich besonders geprägt.
Wenn der Unterkiefer festgehalten wird, die Zunge sich zurückzieht oder der Zungengrund dauerhaft angespannt ist, wirkt sich dies auf den gesamten Stimmweg aus. Atem, Kehlkopf, Rachenraum und Artikulation stehen in einem fein abgestimmten sensomotorischen Zusammenspiel.
Bei mir war es vor allem die Zungenarbeit, durch die ich meine eigene Halsenge und den Zusammenhang zum tiefen, lebendigen Atem und einer freien Stimme besser verstehen konnte.
In dieser festen Zunge spürte ich beides: Angst, etwas Falsches zu sagen und meine große Sehnsucht, mich mitzuteilen.
Wissenschaftlich würde ich nicht behaupten, diese Angst sei in meiner Zunge gespeichert gewesen. Aber sie zeigt und verkörpert sich dort als eine über viele Jahre entwickelte Spannung und Bewegungsgewohnheit.
Durch das Lösen, Dehnen und differenzierte Wahrnehmen der Zunge erlebte ich, dass sich nicht nur mein Hals freier anfühlte. Auch mein Atem konnte tiefer strömen und das Gefühl durch diesen lebendigen Atem mit mir verbunden zu sein, konnte entstehen.
Ich durfte Raum einnehmen.
Ich durfte einen Impuls spüren.
Ich durfte ihn hörbar werden lassen.
Zungen- und Kieferarbeit sind wesentliche Bestandteile meines Neuro-Regulating-Voice® Trainings.
Resonanzräume – den Klang im Körper erleben
Linklaters Arbeit führte mich tief in die Wahrnehmung der körperlichen Resonanzräume: Bauch und Becken, Brustraum, Mund, Gesicht und Schädel.
Der Klang wird dabei nicht nur von außen gehört. Wir „reisen“ bildlich durch diese Innenräume. Klang wird dabei als Vibration im eigenen Körper wahrgenommen. Knochen, Gewebe, Haut, Atembewegung und Muskelaktivität erzeugen fortlaufend sensorische Rückmeldungen.
Besonders überraschend und faszinierend finde ich die oberen Resonanzempfindungen im Bereich von Gesicht, Nase, Stirn und Schädel. Linklater spricht in diesem Zusammenhang von den oberen Resonatoren, den Sinusresonatoren. Ob und wie stark einzelne Nebenhöhlen den hörbaren Klang tatsächlich akustisch verstärken, ist fachlich differenziert zu betrachten. Unmittelbar erfahrbar sind jedoch Vibrationen und feine Schwingungsempfindungen in der gesamten Gesichts- und Schädelarchitektur. Diese Empfindungen formen den Klang.
Aus diesen Erfahrungen entstand später mein eigenes Bild für das Erlernen des Jodelschlags:
Ich lade dazu ein, sowohl den hohen als auch den tiefen Ton auf der Höhe der Nasenwurzel vor dem Schädel in einer imaginierten Klangschale zu verorten.
Der Ton muss für den Registerwechsel nicht in verschiedene Richtungen gestoßen werden. Beide Klänge treffen sich in derselben vorgestellten Schale. Dieses Bild hilft vielen Menschen, den Jodelschlag weniger als mechanischen Kraftakt und mehr als bewegliche, räumlich orientierte Klangbewegung zu erfahren.
Auch hier geht es nicht darum, dass sich der Ton anatomisch tatsächlich in einer Schale vor der Stirn befindet. Das Bild beeinflusst Aufmerksamkeit und Bewegungsplanung – und kann dadurch die Stimmkoordination verändern.
Körperbilder verändern die Stimmerfahrung
Von Linklater habe ich gelernt, wie stark unsere inneren Körperbilder unser Erleben von Atem und Stimme beeinflussen können.
Stelle ich mir meinen Körper als enges, festes Gefäß vor?
Oder als weiten, lebendigen Innenraum?
Erlebe ich den Hals als schmale Röhre, durch die ich einen Ton pressen muss?
Oder darf Klang durch den gesamten hellen Innenraum hindurch nach außen gelangen?
Solche Bilder sind keine anatomischen Erklärungen. Sie sind Wahrnehmungsangebote.
Mich interessierte zunehmend, warum ein inneres Bild oft unmittelbar Einfluss auf Atem, Muskeltonus, Bewegung und Stimmklang zu haben scheint. Auf der Suche nach Erklärungen stieß ich auf die Forschung zur Interozeption und später auf das Modell des Predictive Processing.
Interozeption beschreibt die Wahrnehmung und Verarbeitung von Signalen aus dem Körperinneren. Unser Gehirn empfängt diese Signale nicht einfach passiv. Es verbindet sie mit Aufmerksamkeit, Vorerfahrungen, Kontext und Erwartungen und erzeugt daraus fortlaufend ein inneres Modell unseres körperlichen Zustands.
Ein Bild allein verändert nicht nachweislich und automatisch die Stimme. Aber es kann beeinflussen, worauf wir achten, welche Empfindungen hervortreten, wie wir diese bewerten und wie der Körper eine Bewegung organisiert.
Damit bekam eine Erfahrung aus der Linklater-Arbeit für mich einen neurowissenschaftlichen Bezugsrahmen.
Die Beschäftigung mit Interozeption wurde zu einer der zentralen Wirkungsebenen von Neuro-Regulating-Voice®.
Nicht bewerten, sondern wahrnehmen
In der Linklater-Arbeit steht nicht zuerst die Frage im Mittelpunkt:
Wie klingt meine Stimme?
Wichtiger ist:
Wie fühlt sie sich an?
Wo entsteht Bewegung?
Wo ist Vibration wahrnehmbar?
Wo halte ich fest?
Wo entsteht plötzlich Raum?
Wie reagiert mein Atem?
Was verändert sich, wenn ich nicht versuche, einen „richtigen“ Ton herzustellen?
Diese Haltung hat meine Art zu unterrichten grundlegend verändert.
Bewertung lenkt die Aufmerksamkeit sehr schnell nach außen. Wir fragen uns, ob der Ton schön, richtig, kräftig oder professionell genug ist. Wahrnehmung bringt die Aufmerksamkeit zunächst zurück in den eigenen Körper.
Das bedeutet nicht, dass Klangqualität unwichtig ist. Aber Veränderung beginnt nicht zwingend mit Korrektur. Sie kann damit beginnen, genauer zu spüren, was bereits geschieht.
Nicht bewerten, sondern wahrnehmen ist zu einem Grundprinzip von Neuro-Regulating-Voice® geworden.
Sicherheit vor Loslassen
Von Linklater habe ich gelernt, dass sich Stimme befreien kann, wenn überflüssige Spannung nachlässt. In meiner eigenen Arbeit wurde jedoch ein weiterer Aspekt immer wichtiger: Sicherheit kommt vor Loslassen. Ein Körper gibt eine Spannung, die ihm Schutz bietet, nicht einfach auf. Er braucht zunächst Halt – im Kontakt mit dem Boden, im Atem, in einer Bewegung, in einem anderen Körperraum oder in der Beziehung zum Gegenüber.
Wir können einem Menschen nicht einfach sagen: „Lass los.“
Spannung ist nicht nur störend. Sie kann eine wichtige Schutzfunktion haben. Ein Körper hält möglicherweise fest, weil dieses Festhalten einmal hilfreich oder notwendig war. Soll diese Spannung vorschnell gelöst werden, kann das zusätzliche Unsicherheit auslösen.
Darum hat im Neuro-Regulating-Voice®-Training ein Grundsatz besondere Priorität:
Um an einer Stelle loslassen zu können, brauchen wir zunächst an einer anderen Stelle Halt und ein ausreichendes Gefühl von Sicherheit.
Vielleicht entsteht dieser Halt über den Kontakt der Füße mit dem Boden. Über das Gewicht des Beckens auf dem Stuhl. Über eine Hand auf dem Brustkorb – sofern sich das angenehm anfühlt. Über den Kontakt mit einem anderen Menschen oder über die Wahrnehmung eines Körperbereichs, der sich bereits ruhig und verlässlich anfühlt.
Von dort aus können wir uns einer angespannten Stelle zuwenden – nicht mit dem Auftrag, sie aufzulösen, sondern mit neugieriger Aufmerksamkeit.
Vielleicht lässt sie ein wenig nach. Vielleicht noch nicht.
Auch das darf sein.
In Neuro-Regulating-Voice® wird diese Verbindung von Wahrnehmung, erlebter Sicherheit und möglicher Veränderung ausdrücklich zum methodischen Ausgangspunkt. Darin liegt meine nervensystemorientierte Ergänzung der von Linklater geprägten Arbeit mit Wahrnehmung und Loslassen.
Kristin Linklater persönlich erleben
Meine Erfahrung mit der Linklater-Arbeit blieb nicht auf einzelne Einführungsseminare beschränkt. Seit 2012 habe ich sie in fortlaufenden Kursen, Einzelstunden, Aufbauworkshops, intensiven Seminaren und der (aus persönlichen Gründen leider abgebrochenen) Ausbildung zur Designierten Linklater Trainerin vertieft.
2014 konnte ich Kristin Linklater selbst bei der Summer University Berlin im fünftägigen Intensivseminar „Freeing the Natural Voice“ erleben.
2015 reiste ich auf die Orkney-Inseln und nahm dort an ihrem Seminar „Sound and Movement“ teil.
Dass ich Kristin Linklater persönlich kennenlernen durfte, war Wesentlich für das tiefe Verständnis ihrer Arbeit. Ich erlebt sie als klare, humorvolle, präzise, agile, leidenschaftliche Lehrerin, die viel von uns und sich forderte. Sie liebte durch Stimme geformte Sprache.
Auch mein Jodeln fand Kristin Linklater spannend. Ich durfte auf den Orkneys einen Jodelworkshop halten. Für mich gibt es zwischen ihrer Arbeit und ursprünglichen Formen des Rufens und Jodelns eine tiefe Verbindung: Stimme entsteht aus einem Impuls, wird körperlich spürbar und darf sich jenseits sprachlicher Bedeutung unmittelbar ausdrücken.
Von Linklater zu Neuro-Regulating-Voice®
Wenn ich heute auf die Entstehung von Neuro-Regulating-Voice® schaue, – und diese ist ja noch nicht abgeschlossen, sondern darf weiterwachsen, – erkenne ich deutlich, wie tief die Linklater-Arbeit darin verwurzelt ist:
- der Bodyscan und die achtsame Körperwahrnehmung
- das Zulassen des natürlichen Atemrhythmus
- der Einatem kommt wenn ich warte (wunderbares Bild für den Einatemreflex)
- die Verbindung von innerem Impuls und Stimmgebung
- das Lösen überflüssiger Spannungen
- die differenzierte Arbeit mit Kiefer und Zunge
- die Wahrnehmung von Vibration und Resonanzräumen
- die Arbeit mit inneren Körperbildern
- das Zusammenspiel von aufstrebender und loslassender Energie
- die Frage, wie Stimme sich anfühlt – und nicht nur, wie sie klingt
- das Vertrauen in die Fähigkeit des Organismus, sich neu zu organisieren
Neuro-Regulating-Voice® verbindet diese Wurzeln mit meinen Erfahrungen aus Schauspiel, Singen, Jodeln, Coaching und körperorientierter Stimmarbeit sowie mit Erkenntnissen über Nervensystem, Interozeption, sensomotorisches Lernen und Co-Regulation.
Neuro-Regulating-Voice® ist aus verschiedenen Quellen und aus meiner langjährigen eigenen Praxis entstanden. (Mehr zu Neuro-Regulating-Voice )
Aber Linklater hat den Boden bereitet.
Sie hat mir gezeigt, dass Stimme nicht nur produziert und trainiert werden muss. Dass sie sich ereignen kann. Dass sie in uns vorhanden ist und sich freier organisiert, wenn wir lernen, wahrzunehmen, statt sie sofort zu kontrollieren.
Dafür empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit.
Zum Vertiefen:
Kristin Linklater (2019): Meisterwerk Stimme. Entfaltung und Pflege eines natürlichen Instruments. Aus dem Englischen von Michael Petermann und Irmela Beyer. 5., überarbeitete und erweiterte Auflage. Ernst Reinhardt Verlag, München.
Der englische Originaltitel lautet: Freeing the Natural Voice. Imagery and Art in the Practice of Voice and Language.
Offizielle Webseite: https://www.linklatervoice.com/
Deutsche Webseite: https://linklater.org/
Sujata Maya Huestegge & Sylvie Polz (2015): „Grundgedanken der Linklater-Stimmarbeit. Einsatzmöglichkeiten für die logopädische Stimmtherapie.“ Forum Logopädie, Heft 4, S. 12–17.
https://doi.org/10.2443/skv-s-2015-53020150402