Die Spur des Körpers in der Sprache

wanderweg durch wiesen oberhalb der weite blaue himmelWie Sybille Krämer meinen Blick auf Stimme verändert hat – und damit einen Weg zu Neuro-Regulating-Voice® öffnete

Manchmal begegnet uns ein Gedanke, der etwas in Worte fasst, das wir längst spüren, aber noch nicht wirklich benennen können.

So ging es mir 2018, als ich Sybille Krämers Aufsatz Die Rehabilitierung der Stimme – Über die Stimme jenseits der Oralität las.

Vor allem ein Gedanke hat mich damals tief beeindruckt und begleitet mich bis heute:

Die Stimme ist die „Spur des Körpers in der Sprache“.

Dieser Satz traf etwas in mir. Denn er stellte eine scheinbar selbstverständliche Vorstellung infrage: dass Stimme vor allem dazu da ist, Sprache und Bedeutung zu transportieren.

Was geschieht eigentlich mit dem Körper, wenn wir sprechen? Ist die Stimme lediglich das Transportmittel für unsere Gedanken und Worte? Oder geschieht im Sprechen noch etwas anderes – etwas Körperliches, Klangliches, vielleicht auch Beziehung Schaffendes, das sich nicht vollständig in Worte und Bedeutung übersetzen lässt?

Für mich öffneten diese Fragen 2018 einen neuen Denkraum auf einer Reise, die mit dem Jodeln 2007 und der Linklater-Stimmarbeit 2012 längst begonnen hatte und später in die Entwicklung von Neuro-Regulating-Voice® mündete.

Linklater und Krämer – Erfahrung trifft auf Theorie

Meine erste Begegnung mit der Linklater-Stimmarbeit war 2012. Im Jahr 2014 hatte ich bei der Summer University Berlin erstmals die Möglichkeit, Kristin Linklater selbst in dem fünftägigen Intensivseminar „Freeing the Natural Voice“ zu erleben. 2015 folgte auf den Orkney-Inseln ihr Seminar „Sound and Movement“.

Was mich von Anfang an faszinierte, war ihr konsequent körperlicher Zugang zur Stimme. Worte und Sätze als Produkt eines Zusammenspiels von Muskulatur, Impuls, Zwerchfell, Atem, Gefühl, Vibration, Resonanz, Kiefer, Zunge, Artikulation – Sprache wurde hier nicht nur als Bedeutung verstanden, sondern als etwas, das im Körper entsteht und körperlich erfahren werden kann.

Die Linklater-Arbeit gab mir einen konkreten Übungsweg, – die Progression, – auf der ich Schritt für Schritt erleben konnte:

Stimme und Sprache geschehen im Körper.

Als ich dann 2018 Sybille Krämer las, begegnete mir auf einer philosophischen und kulturwissenschaftlichen Ebene etwas, das ich durch die Stimmarbeit bereits körperlich erfahren hatte.

Krämer gab mir gewissermaßen die Worte und einen gedanklichen Rahmen für etwas, das ich durch das Jodeln und die Linklater-Arbeit bereits körperlich erlebt und methodisch erforscht hatte.

Ihr Gedanke von der Stimme als „Spur des Körpers in der Sprache“ fiel deshalb bei mir auf einen bereits vorbereiteten Boden.

Die Stimme trägt Körperlichkeit in die Sprache hinein. Nicht als dekorative Beigabe zum eigentlichen Inhalt, sondern als untrennbaren Bestandteil des Sprechens selbst.

Linklater hatte mir einen körperlich erfahrbaren Weg zur Stimme eröffnet. Krämer gab mir einen gedanklichen und kulturphilosophischen Rahmen, um die Bedeutung dieser Erfahrung noch einmal neu zu verstehen.

Von hier aus begann ich, Stimme noch einmal anders zu betrachten: Was hören und erleben wir eigentlich, wenn wir einem Menschen zuhören – jenseits der Bedeutung seiner Worte? (Blogartikel zur Linklater Stimmarbeit)

Was hören wir, wenn wir eine Stimme hören?

Wenn ein Mensch spricht, hören wir niemals nur Wörter.

Wir hören Tempo und Rhythmus, Lautstärke und Klangfarbe. Wir hören Spannung, Zurückhaltung, Lebendigkeit, Zögern, Kraft oder Erschöpfung. Wir nehmen innerhalb weniger Sekunden unbewusst wahr, wie es einem Menschen geht, noch bevor wir bewusst erfasst haben, was er sagt.

Sybille Krämer beschreibt diesen Bereich als einen „affektiven Boden“ der Kommunikation.

Stimme übermittelt also nicht erst dann etwas, wenn sie Wörter formt. Ihr Klang selbst trägt bereits Information und Beziehung.

Und dieser Klang entsteht körperlich.

Lippen, Zunge und Kiefer sind beteiligt, ebenso Kehlkopf und Stimmlippen, Brustraum, Lunge und Zwerchfell. Atembewegung, Muskelspannung und körperlicher Zustand hinterlassen ihre Spuren im Klang. Nicht alles davon können oder wollen wir bewusst kontrollieren.

Gerade das faszinierte mich: Die Stimme erzählt immer auch etwas vom Körper, aus dem sie kommt.

Wie wurde aus Stimme vor allem Sprache? 

Krämer stellt die Stimme in einen größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang. Sie beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit und damit, wie sehr unsere westliche Vorstellung von Sprache durch die Schrift geprägt wurde.

Mit der Schrift konnte Sprache festgehalten werden. Sie wurde unabhängig vom Augenblick, vom sprechenden Menschen und von seiner körperlichen Anwesenheit lesbar, speicherbar und analysierbar.

Das war eine ungeheure kulturelle Errungenschaft.

Gleichzeitig entstand damit aber auch eine Trennung, die unser Denken über Sprache bis heute beeinflusst: Auf der einen Seite stehen Bedeutung, Begriff, Vernunft und das geschriebene Wort. Auf der anderen Seite Klang, Körper, Sinnlichkeit und die Flüchtigkeit der gesprochenen Stimme.

In kulturgeschichtlichen Fortschrittsmodellen wurde Schriftlichkeit mit Reflexion, Wissenschaft, Aufklärung und gesellschaftlicher Entwicklung verbunden. Mündlich geprägte Kulturen dagegen wurden stärker mit Ritual, Religion, unmittelbarer Gemeinschaft und Körperlichkeit assoziiert – und häufig als weniger entwickelt abgewertet.

Mich beschäftigte daran besonders eine Frage:

Was passiert mit der Stimme, wenn Sprechen für uns vor allem das Transportieren von Bedeutung durchWörter ist – und Klang, Rhythmus, Resonanz und Körperlichkeit in den Hintergrund treten?

Mir kam in der Auseinandersetzung mit Sibylle Krämers Artikel ein etwas provokanter, aber wie ich finde sehr interessanter Gedanke:

Sprache ist die Kolonialisierung der Stimme.

Was ich damit meine: Die Stimme ist zunächst Klang, Atem, Bewegung, Rhythmus und körperliches Geschehen. Aber im Sprechen stellen wir diesen Klang zunehmend in den Dienst von Wörtern und Bedeutungen. Gesellschaftlich liegt der Fokus darauf, was gesagt wird. Das Wie des Klangs – und damit ein wesentlicher Teil der Körperlichkeit der Stimme – tritt in den Hintergrund. Bedeutung funktionalisiert und überlagert den Klang. 

Natürlich ist Sprache deshalb nichts Negatives. Im Gegenteil! Sprache ist für mich wie der Atem des Denkens, der Gedanken in bleibende Einheiten verwandelt.

Bis heute beschäftigt mich der Gedanke: Was geht uns verloren, wenn wir in einer Stimme vor allem die Wörter hören? Welche Möglichkeiten überhören wir dabei, uns selbst und anderen wirklich zu begegnen – wahrzunehmen, wie es uns geht, mitzufühlen, in Beziehung zu treten und uns mit dem zu zeigen, was gerade da ist?

„Ich denke, also bin ich“ – und wo bleibt der Körper?

Beim Lesen musste ich auch an eine andere, tief in unserer westlichen Kultur verankerte Trennung denken: die Trennung von Körper und Geist.

Descartes’ berühmtes „Ich denke, also bin ich“ steht für eine philosophische Tradition, in der Denken und Vernunft einen besonderen Stellenwert erhielten. Auch religiöse Traditionen haben über lange Zeit im Grunde bis Heute, Vorstellungen geprägt, in denen Geist und Seele höher bewertet wurden als Körper und Sinnlichkeit.

Natürlich lässt sich unser heutiges Verhältnis zum Körper weder auf einen Philosophen noch auf die Erfindung der Schrift oder auf Religion allein zurückführen. Die Geschichte ist sehr viel komplexer.

Und trotzdem erkenne ich diese kulturelle Tendenz:

Wir vertrauen dem Denken mehr als dem Spüren.

Von Kind auf lernen wir, uns in vorgegebenen Rahmen zu orientieren: zu denken, zu erklären, zu analysieren, zu bewerten und zu kontrollieren. Viel weniger lernen wir, dem zu vertrauen, was unser Körper oft schon wahrnimmt, bevor wir Worte dafür haben.

Körperempfindungen, die nicht in den Moment passen – Aufregung, Unsicherheit, Anspannung, Angst, Erschöpfung –, versuchen wir häufig zu kontrollieren, zu überspielen oder zu verstecken. Manches daran ist uns sogar peinlich.

Dabei überhören wir leicht etwas Wesentliches: Der Körper nimmt wahr und reagiert, bevor wir beginnen, darüber nachzudenken.

Gerade die Stimme widersetzt sich dieser Trennung.

Sie ist Gedanke und Körper.

Bedeutung und Klang.

Absicht und etwas, das sich unserer vollständigen Kontrolle entzieht.

Sie sagt etwas – und gleichzeitig zeigt sie etwas.

Stimme jenseits von Sprache

Dieser Perspektivwechsel hat mich tief beeindruckt.

Was geschieht, wenn wir Stimme nicht nur als Trägerin von Sprache betrachten?

Dann wird sie zu einem körperlichen Ereignis.

Atem wird zu Klang. Gewebe beginnt zu schwingen. Resonanz wird hörbar und gleichzeitig im eigenen Körper spürbar. Ein Ton entsteht in mir, erreicht einen anderen Menschen und wirkt wiederum auf mich zurück.

Stimme ist dann nicht nur Output.

Ich produziere nicht einfach etwas, das nach außen geht.

Während ich töne oder spreche, höre ich mich selbst. Ich spüre Vibration. Ich nehme meinen Atem wahr. Ich spüre Spannung und Nachlassen von Spannung. Und gleichzeitig bin ich über meinen Klang mit meinem Gegenüber verbunden.

Diese Gleichzeitigkeit von Körperwahrnehmung, Klang und Beziehung wurde für mich zu einem zentralen Gedanken – und später zu einem Kern von Neuro-Regulating-Voice®.

Von der „Spur des Körpers“ zu Neuro-Regulating-Voice®

Heute sehe ich in dieser damaligen Lektüre einen wichtigen Ausgangspunkt auf meinem Weg zu Neuro-Regulating-Voice®.

Krämer schreibt nicht über Nervensystemregulation und sie entwickelt selbstverständlich keine Methode der Stimmarbeit. Diese Verbindung ist meine eigene Weiterentwicklung.

Aber sie hat mir einen Denkraum geöffnet, ohne den Neuro-Regulating-Voice® in seiner heutigen Form für mich kaum vorstellbar wäre.

Wenn Stimme eine Spur des Körpers in der Sprache ist – was geschieht dann, wenn wir beginnen, genau dieser Spur zuzuhören?

Was können wir wahrnehmen, wenn wir für einen Moment weniger darauf achten, was wir sagen, und stattdessen darauf, wie sich Stimme in uns ereignet?

Wie verändert sich unser Erleben, wenn wir einen Ton nicht in erster Linie produzieren oder beurteilen, sondern seine Vibration im Brustraum, im Mund, im Gesicht oder im Kopf wahrnehmen?

Was erfahren wir über unseren momentanen Zustand durch Atemrhythmus, Muskeltonus, Klang, Prosodie und Resonanz?

Aus solchen Fragen entwickelte sich über die Jahre immer stärker mein eigener Zugang zur Stimme. Heute bildet genau dieser Perspektivwechsel einen Kern von Neuro-Regulating-Voice®:

Stimme nicht nur als Ausdruck, sondern als Wahrnehmungsraum zu erfahren. 

(Blogartikel Was ist Neuro-Regulating-Voice®)

Nicht nur senden – auch wahrnehmen

Unsere Kultur ist stark auf das Senden ausgerichtet. Wir sprechen, erklären, argumentieren, präsentieren, überzeugen.

Auch Stimmtraining ist häufig auf dieses Ziel ausgerichtet: Wie klinge ich besser? Wie spreche ich deutlicher? Wie wirke ich souveräner?

Mich interessiert inzwischen mindestens ebenso sehr die andere Richtung:

Was geschieht in mir, während ich klinge?

  • Kann ich die Vibration meiner Stimme wahrnehmen?
  • Spüre ich meinen Atem? Darf mein Einatem in mich zurückströmen?
  • Bemerke ich Spannung in Kiefer, Zunge oder Bauchdecke?
  • Kann ich wahrnehmen, wann ich mich anstrenge – und wann etwas von selbst geschieht?
  • Kann ich im Kontakt mit meinem eigenen Körper bleiben, während ich mit einem anderen Menschen spreche?

Hier beginnt für mich die Verbindung von Stimme und Regulation.

Nicht indem wir den Körper noch besser kontrollieren, sondern indem wir lernen, ihn wahrzunehmen und seinen autonomen Prozessen wieder mehr Raum zu geben.

Die Stimme wieder in den Körper holen

Vielleicht ist das für mich heute die eigentliche Bedeutung einer „Rehabilitierung der Stimme“.

Nicht zurück in eine romantisierte Welt vor der Schrift. Und auch nicht gegen Sprache, Denken oder Verstand.

Im Gegenteil. Es geht um eine Erweiterung.

Darum, das wieder zusammenzubringen, was wir kulturell so gerne voneinander trennen: Körper und Geist, Empfindung und Denken, Klang und Bedeutung, Selbst und Gegenüber.

Die Stimme eignet sich dafür auf einzigartige Weise.

Denn sie ist immer beides.

  • Sie trägt Worte – und bleibt Klang.
  • Sie vermittelt Gedanken – und bleibt Körper.
  • Sie ist willentlich formbar – und entzieht sich gleichzeitig unserer vollständigen Kontrolle.
  • Sie kommt aus uns – und erreicht einen anderen Menschen.

Als ich Sybille Krämers Text damals las, wusste ich noch nicht, wohin mich diese Gedanken führen würden.

Heute weiß ich: Sie haben meinen Blick auf Stimme grundlegend verändert.

Die Idee, Stimme jenseits ihrer Funktion als Sprache wahrzunehmen, wurde zu einer der Wurzeln meiner Arbeit.

Und genau dort kam zu meiner bereits begonnenen Reise zu Neuro-Regulating-Voice® eine weitere wesentliche Wurzel hinzu:
die Wiederentdeckung der Stimme als Spur des Körpers.

 


Quelle und Weiterlesen

Sybille Krämer: Die „Rehabilitierung der Stimme“ – Über die Stimme jenseits der Oralität (2006).
Der vollständige Originaltext ist bei der Freien Universität Berlin als PDF verfügbar:
Sybille Krämer – Die „Rehabilitierung der Stimme“
Der Aufsatz erschien ursprünglich 2006 im von Doris Kolesch und Sybille Krämer herausgegebenen Band Stimme. Annäherung an ein Phänomen, Suhrkamp, S. 269–295

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